
W er als Anfänger seinen ersten Tangokurs besucht, der steckt normalerweise voller Neugier und Erwartungen; leider ändert sich das meist schnell, und viele Neulinge brechen schon im Frühstadium ab, vor allem Männer. Das liegt, so glaube ich, daran, dass Tangokurse normalerweise das Pferd von hinten aufzäumen; das geschieht in Tangokursen überall auf der Welt, auch in Argentinien. Das Problem ist allgemein bekannt, und jeder Lehrer hat es am eigenen Leib erfahren. Trotzdem hat sich bisher noch niemand ehrlich und ohne Furcht mit dem Thema auseinandergesetzt.
Beim Schreibenlernen darf man als Kind zunächst ganze Seiten mit Kringeln vollmalen. Wenn man andere Tänze lernt, dann beginnt man normalerweise mit einfachen Übungen, die erst einmal einen Kontakt herstellen zwischen dem körperlichen Erinnerungsvermögen des Lernenden und dem Wesen und der Bewegungssprache des jeweiligen Tanzes. Die Wiederholung einfacher Schritte in Kommunikation mit der Musik und dem Partner kann fast meditativ wirken - wie ein Mantra. Mit der Wiederholung und Variation eines Leitmotivs erwirbt man eine einfache, schöne und kommunikative Sprache. Durch diese Sprache identifiziert sich der Tänzer mit dem Tanz, den er erschafft - auch auf engstem Raum, ja sogar im Stehen. Wenn aber diese Identifikation mit der eigenen Sprache fehlt, dann werden die Schritte nur mit den Füßen gesetzt, als wäre der Rest des Körpers unbeteiligt. Dann werden Abfolgen von Schritten trainiert, die später gar nicht tanzbar sind und einer korrekten und effizienten Haltung nur im Weg stehen. Aus dem Tanz wird dadurch tote Choreographie ohne Bedeutung - man benutzt zwar Tangoschritte, doch man tanzt nicht Tango.
© Susana Miller 1995; © für diese Übersetzung: Christian Jähne 1996