ESSAYS
Tango - Show oder Begegnung?
von Susana Miller

D er Tango, den wir auf den Showbühnen der Welt zu sehen bekommen, ist etwas anderes als der Tango, wie er in den Salons von Buenos Aires getanzt wird. Über den Unterschied zwischen beiden existieren in der Tangoszene einige Meinungsverschiedenheiten. Oft wird die Sache so dargestellt, dass die beiden Stile einander ausschließen; in Wirklichkeit ergänzen sie einander wie zwei Seiten einer Medaille.

Es ist der Bühnentanz, der den Tango in unserer Zeit weltberühmt gemacht hat: der Reiz und die Vielfalt seiner Figuren haben das Fernsehen und die Theatersäle überall auf der Welt erobert. Diese Art von Tango basiert darauf, dass die Tanzpartner relativ weit von einander entfernt sind: so lassen sich auch komplexe Figuren tanzen, die selbst in Räumen mit fünfhundert Zuschauern noch optisch attraktiv wirken. In Sälen dieser Größe wäre es kaum möglich, die Feinheiten eines eng getanzten Tangos zu genießen - weder die Körperbewegung noch die Beinarbeit des Paares würden aus solcher Distanz besonders interessant erscheinen.

Ganz anders beim Showtango: die Schritte aus dem Salontango sind hier nur die Basis für eine ausgefeilte Choreographie, die mit ihren Kunststückchen möglichst die ganze Bühne füllt - und das ist sehr viel, verglichen mit einer normalen Tanzfläche. Wesentlich für eine Bühnenshow ist außerdem, dass die Choreographie immer frontal auf die Zuschauer hin ausgerichtet ist - man will sich schließlich von der besten Seite zeigen.

Der Tango verdankt den Bühnentänzern sehr viel - sie haben ihn weltberühmt gemacht: mit viel Talent und Inspiration, aber auch mit Tanzerfahrung und vielen Stunden harter Arbeit. Man kann sogar sagen, dass die Bühne den Tango gerettet hat - ohne sie hätte er sich als einer unter Dutzenden von exotischen Volkstänzen vielleicht weiter im Kreis gedreht und wäre mit den letzten milongueros ausgestorben. Der Bühnentango hat den Herzschlag der Kultur von Buenos Aires mit dem der ganzen Welt synchronisiert.

Die Wiege des Tangos aber stand im Salon - dort, wo der Tanz noch immer lebendig ist. Dort lebt der Tango von der Leidenschaft, die in einem Paar erwacht und wächst, und von seiner speziellen Art, mit dem Raum und dem Rhythmus umzugehen.

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© Susana Miller 1995; © für diese Übersetzung: Christian Jähne 1996
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