
D en Winter 2001 verbrachte ich in B.A. An einem warmen Nachmittag begegnetee ich dort in einem Park Señor C., der es seit kurzem als Startänzer einer Tangoshow zu außerordentlicher Popularität gebracht hatte. Wir begrüßten uns wie alte Bekannte, und ich fragte ihn, ob es sein könne, dass ich ihn schon einige Male in einem Marionettentheater gesehen hätte. In dieser schäbigen Bude auf dem Vorstadt-Marktplatz von S. T. wurden primitive kleine Burlesken gezeigt – viel kindische Dramatik unterlegt mit Gesang und Tanz.
„Das stimmt.“ sagte er. „Es macht mir wirklich Spaß, diesen Puppen zuzuschauen. Und ein Tänzer, der weiter kommen will, kann manches von ihnen lernen.“
Ich war zunächst überrascht von dieser Äußerung, merkte aber sofort, dass er es durchaus ernst meinte; und so setzte ich mich neben ihm auf eine Bank. „Das müssen Sie mir genauer erklären.“
„Finden Sie nicht auch, dass sich die Puppen, besonders die kleineren, ganz graziös bewegen?“
Das konnte ich nicht leugnen. Eine Gruppe Bauern aus der Pampa, die in raschem Takt eine Chacarera tanzte, hätte es nicht besser gekonnt.
Ich konnte mir jedoch kaum vorstellen, wie man die einzelnen Glieder der Marionette korrekt bewegen sollte, ohne sich in hundert Fäden zu verheddern - und das auch noch im Rhythmus des Tanzes. Also erkundigte mich nach dem Mechanik der Figuren.
„Im Prinzip ist es gar nicht so schwer, denn die Glieder müssen selten einzeln bewegt werden. Jede Bewegung hat ihrenen Schwerpunkt, und es genügt völlig, den zu kontrollieren. Die Glieder sind einfache Pendel und folgen der Bewegung des Schwerpunkts von selbst.“
Dessen Bewegung aber sei einfach, fügte er hinzu. „Denn selbst wenn der Schwerpunkt nur auf gerader Linie geführt wird, machen die Glieder der Puppe schon Kurvenbewegungen. Selbst eine zufällige Erschütterung versetzt die Marionette in rhythmische Bewegung, und schon tanzt sie.“
Ich verstand nun, was ihn an den Dingern faszinierte; welch weitreichende Folgerungen er aber daraus ableiten würde ahnte ich noch nicht.
© Christian Jähne 2009