ESSAYS
Ist Tango ein Macho-Tanz?
von Lidia Ferrari

I st Tango ein Macho-Tanz? Ich stelle diese Frage nicht, weil ich dem Tango die Männlichkeit, das Maskuline, absprechen will, sondern weil ich versuchen möchte, den Frauen in der Tango-Welt ein wenig Luft zu verschaffen. Leider ist es nämlich so, dass der Rolle der Frau im Tango noch nie die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die sie eigentlich verdient hat - auch wenn das Thema schon von verschiedenen Gesichtspunkten aus behandelt wurde. Meine eigene Ansicht resultiert aus drei verschiedenen Blickwinkeln: dem der Frau, dem der Psychoanalytikerin und dem der Tangotänzerin.

Wenn man die gängigen Tangotexte ernst nimmt, bekommt man den Eindruck, dass der Tango den Männern gehört - uns Frauen bleibt höchstens die Opferrolle. Dabei dürfen wir natürlich nicht vergessen, dass fast alle diese Texte von Männern stammen und einige Jahrzehnte alt sind - sie reflektieren die Macho-Werte und -Vorurteile ihrer Zeit. Klar, dass Frauen in diesen Texten nicht gut wegkommen. Die milonguita war ein dummes Ding, betört von den Lichtern der Großstadt - und seit dieser Zeit machen Tangotexte die Frauen schlecht. Fast immer werden sie als passiv dargestellt - und deshalb werden sie ausgenützt. "Die Männer haben dir weh getan", so heißt es etwa, oder: "Sie war nur eine Chromleiste am Nobelschlitten dieses Angebers": und, natürlich: "auch andere Frauen sind schwach geworden wie sie". In Tangotexten hat eine Frau ihr Schicksal nicht in der Hand - ein Mann bringt sie auf Abwege. Fast immer ist sie Spielzeug für einen Moment, und was ihr bleibt, ist ein Verlust, der sie auslöscht. Bezeichnend der wohlmeinende Ratschlag, den der Tangotexter Celedenio Flores den Frauen in seinem Tango "¡Atenti, pebeta!" (Pass auf, Mädchen!) gibt: "Dein Rock sollte mindestens bis zum Knöchel gehen!"

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© Lidia Ferrari 1996; © für diese Übersetzung: Christian Jähne 1996
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