
| Ein ganz anderer Täzer, fast möchte man sagen: ein ganz anderes Kaliber, ist Carlos Gavito. Alles ist anders - die Haltung, der Ausdruck, die Dynamik, die Kommunikation mit der Partnerin, die gewählte Musik. Die Musik, die Pepito liebte, war ihm zu langweilig, Biagi - und überhaupt zu akzentuierte Rhythmen - mochte er nicht. Man muss ihm nur | |
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zuschauen, um zu verstehen, warum:
erst die Freiheit und die unverhüllte Dramatik eines
Pugliese-Tangos geben ihm den interpretatatorischen Raum, den er
braucht für seinen Tanz. Ein weicher Walzer mit Gavito? Kaum
vorstellbar. Ein sanftes Lächeln? Fast ebenso wenig. Hier tanzt einer auf Messers Schneide, auf Leben und Tod, immer so, als wäre es
sein letzter Tango. Vor allem die spätesten Videos von ihm, als
er vom Kampf mit dem Hirntumor schon schwer gezeichnet war, zeigen
eine existentialistische Kraft, die vielleicht wirklich nur einer
haben kann, der um sein Leben tanzt. "Du tanzt besser, wenn Du
Dein Leben tanzt", sagte er einmal. Und als er kurz vor seinem
Tode in einem Interview gefragt wurde, wodurch er als Tänzer am
liebsten in Erinnerung bleiben wolle, sagte er: "Nur auf eine
Art. Dadurch, dass mein Tanzen immer ehrlich war." Er kommt dem
Tango-Klischee vom compadre,
der jederzeit sein Messer zücken könnte, gespenstisch nahe.
Er hat offensichtlich keinerlei Problem damit, den Macho zu geben.
Die Frau, so scheint es, ist eher sein Besitz als seine Partnerin. "Er tanzte mit kaum verhohlener Wildheit."
berichtet ein Zeitzeuge
"Ich habe Frauen gesehen, die Tränen in den Augen hatten oder seltsam zu atmen begannen,
wenn sie ihn tanzen sahen. Die Männer - manchmal sogar berühmte
Tangueros - waren eifersüchtig oder fühlten sich gar
wertlos, wenn sie miterlebten, was er tat. Aber alle waren voller
Respekt."
Obwohl seine Showtänze ihresgleichen suchten - wie man hier z. B. sieht - hatten sie für ihn mit dem wahren Tango nichts zu tun. "Man spielt den Clown, wenn man auf der Bühne steht." Er hasste Angeberei auf der Tanzfläche. "Drei Figuren in einem Tanz sind zu viel." Dass er diesen absoluten Minimalismus nicht nur predigte, sondern auch tanzte sieht man hier . "Warum sollte ich ganchos unterrichten? Ganchos sind Aggressionen! Wieso sollte eine Frau sowas akzeptieren, wenn es im Lied nur um Liebe geht?" Wer seinen Tanz derart aufs Wesentliche reduziert, findet wohl zwangsläufig zur Langsamkeit. Bei Gavito wird sie zum Grundelement des Tango. "Die Leute tanzen heute viel zu hastig, als müssten sie ihre Figuren unterbringen. Das sollte man niemals tun. Wir sollten jeden Schritt genießen, bis zur Neige auskosten. So, wir wir als Kinder unser kostbares Eis schleckten." Für manche war er nur ein Frauenheld, andere nahmen ihn als Zen-Meister wahr oder sahen gar den lieben Gott persönlich in ihm ("der unbewegte Beweger"). Ihm selbst genügte es, sich schlicht und einfach als Tangotänzer zu definieren. Und schlicht und einfach war auch die Quintessenz des Tango, die er in seinem letzten Interview zog: "Es gibt keinen Führer im Tango. Es geht nur um Freiheit. Das Herz des Tango ist die Umarmung." | |
| Ein jung wirkender Pablo Veron (naja, 1997, also kurz vor dem Starruhm durch "Tango Lesson") mit Rebecca Shulman, die sich hier als durchaus ebenbürtig erweist. Ich halte sie für eine der besten Tangotänzerinnen der Gegenwart; jede Frau, die ihr lange genug zuschaut, wird dabei mehr lernen, als sie selber für möglich halten mag. Pablo Veron ist hier | |
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für seine Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend und auf seine Partnerin bezogen: als hätte sie ihm diese Konzentration abgerungen. Umso interessanter - oder ignoranter - erscheinen mir die Kommentare auf YouTube, die hier nur das Genie Veron am Werk sehen.
Natürlich kursieren Dutzende von Videoclips von Rebecca Shulman im Netz, und ihre Qualität variiert nicht nur mit der des jeweiligen Tanzpartners. Wer mehr sehen will, beginne hier, wo ein improvisierter, also nicht choreographierter Tango zu sehen ist. Wer weitere Seiten dieser vielfältigen Tänzerin entdecken möchte, findet einen Barfuß-Tango zur Musik von RadioHead (!) und eher ausdruckstänzerische Bühnenpräsenz als Tango mujer. Schließlich gibt es einige kleine Lehrvideos - meist als "lesson" gekennzeichnet - die sich anschauen mag, wer was lernen will von dieser Frau; und wer will das nicht ... Auch Männer können profitieren, wenn sie sich Rebecca Shulman als Führende anschauen, z. B. hier, wo sie einfaches, ruhiges, aber sehr musikalisches Tanzen zu Biagis treibendem Rhythmus zeigt. Zwar wirkt sie in der Führungsrolle etwas steif und weniger geschmeidig als sonst, aber das mag an der sichtbar großen Konzentration liegen, die sie ihrer Aufgabe widmet. Tänzerisch anspruchsvoll ist es allemal, was sie zeigt, wie auch dieser Clip zur musikalischen Phrasierung und dieser zur rhythmischen Akzentuierung beweisen. Wer mehr will - und es gibt mehr - muss selber weitersuchen. z. B. ... | |
| ... hier. Auf dieser Website kann man Tango-Videoclips suchen - nach Tänzerin und Tänzer, nach dem Titel des Stückes und nach der Art des Tanzes; praktisch! | |
| Noch einer der großen Alten: Pupy Castello. Anfangs in ungewohnter Tanzhaltung - zumindest für einen milonguero, der sich auf die 40er Jahre bezieht. Später ein paar treffende Kommentare ("... die jungen Leute tanzen wie Elefanten ...") | |